Heimkehr der „Löwendame“
Dame mit Löwendenkmal
INVENTARNUMMER: IV-2024-001
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Nach 80 Jahren erhält das Freie Deutsche Hochstift ein Gemälde zurück, das es bereits 1944 als Geschenk erhalten hatte. Damit das Bild schließlich an seinen Bestimmungsort gebracht werden konnte, musste erst einer wechselvollen Geschichte mit zahlreichen Stationen nachgeforscht werden.
Das Césarine Henriette Flore Davin-Mirvault (1773 – 1844) zugeschriebene Gemälde zeigt, wie wir heute wissen, das Porträt der Marquise Sauli-Visconti, geborene de Samper, einer Ehrendame am Hof Napoleons I. in Mailand. Ihr Ehemann Graf Sauli-Visconti, war Botschafter Napoleon Bonapartes. 1796 hatte Napoleon Mailand besetzt und sich 1805 im Mailänder Dom zum König von Italien krönen lassen. Mailand erklärte er zur Hauptstadt der von ihm gegründeten Cisalpinischen Republik und residierte dort im Palazzo Reale.
Im Laufe der Zeit wurde das Gemälde verschiedenen französischen Künstlern wie Horace Vernet und François Gérard zugeschrieben. Auch die Identitätszuweisung der Dargestellten wechselte: Mal galt sie als Madame de Staël, mal als Marquise de Semper. Im Jahr 1900 ist das Gemälde im Eigentum von Hermann Arnould Weck (1868 – ?) nachweisbar. Der ursprünglich aus Koblenz stammende Weck hatte sich 1889 zusammen mit seinem Zwillingsbruder in Brüssel niedergelassen und dort 1895 das Fotostudio Frères Weck gegründet. Im Jahr 1900 boten sie das Gemälde auf einer Auktion im Hotel Drouot in Paris an, wo es jedoch nicht verkauft wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg kehrten die Brüder nach Koblenz zurück. Ihr Vermögen wurde in Brüssel 1931 als sogenanntes „Feindvermögen“ beschlagnahmt; das fragliche Gemälde befand sich jedoch nicht darunter. Das weitere Schicksal des Gemäldes ist unbekannt, bis es 1944 in Belgien auftaucht. Im März 1944 teilte Dr. Erhard Göpel Ernst Beutler, dem Direktor des Freien Deutschen Hochstifts mit, dass ihm in Belgien von einem „recht idealistisch gesinnten Arzt aus Belgien“ ein Porträt der Madame de Staël am Cap Misene von François Gérard als Geschenk für das Goethe-Museum angeboten worden sei. Den Namen des Sammlers nannte er nicht, erwähnte jedoch, dass er mit ihm einen größeren Verkauf von Gemälden abgewickelt habe.
Der Kunsthistoriker Erhard Göpel (1906 – 1966), Freund und Förderer des von Frankfurt nach Amsterdam emigrierten Malers Max Beckmann, war von 1940 bis 1945 für den „Reichskommissar für die besetzten niederländischen Gebiete“ tätig; dieselbe Aufgabe führte er im besetzten Belgien aus. Diese Behörde beschlagnahmte Vermögenswerte aller Art, darunter auch Kulturgüter aus dem Besitz jüdischer Verfolgter, und verkaufte sie an zahlreiche Institutionen und Personen im Deutschen Reich; unter seinen Kunden befanden sich Adolf Hitler und Hermann Göring. Die Provenienz des Gemäldes vor 1944 erschien daher höchst problematisch. Ein Schreiben von Göpel an Beutler legt jedoch nahe, dass es sich hier nicht um einen Verfolgten, sondern um einen belgischen Kollaborateur gehandelt hatte. Am 9. September 1944 teilte Göpel mit, dass er kurz vor dem Abzug der deutschen Besatzungsverwaltung aus Belgien noch den Abtransport des Gemäldes der (vermeintlichen) Madame de Staël bewerkstelligen konnte, indem er das Bild in eine Kiste für die Dresdner Gemäldegalerie packte. Über den Stifter berichtete er: „Mein vlämischer Freund hat allerdings Bedenken, in diesem Augenblick mit seinem Namen als Schenker aufzutreten und mich gebeten, seine Rolle in diesem Falle zu übernehmen …“.
1944 war schon das Ende des Zweiten Weltkrieges absehbar, sodass der Stifter Repressalien wegen seiner Kollaboration mit der Besatzungsmacht befürchten musste.
Für das Freie Deutsche Hochstift war dieses Geschenk hochinteressant, solange es sich um ein Porträt der Madame de Staël (1766 – 1817) handelte. Sie stand mit Goethes Mutter in persönlichem Kontakt und spielte eine überaus bedeutende Rolle bei der Vermittlung deutscher Literatur nach Frankreich. Ernst Beutler beabsichtigte, sich mit einer besonderen Ausgabe von Goethes „Römischen Elegien“ mit persönlicher Widmung zu bedanken. Die Ausgabe wurde von ihm 1938 herausgegeben und mit Illustrationen des schwedischen Künstlers Yngve Berg (1887 – 1963) versehen; sie wurde in der Bauerschen Gießerei in Frankfurt gedruckt. Ob es zu diesem Gegengeschenk gekommen ist, ist nicht belegt: Wenige Wochen nach dieser Korrespondenz wurde das Goethe-Haus durch Bombenangriffe zerstört.
Der Transport nach Dresden geschah auf Weisung des Kunsthistorikers Hermann Voß (1884 – 1969), der gleichzeitig Leiter der Dresdner Gemäldegalerie, des Museums Wiesbaden und des „Führermuseums Linz“ war. Er ließ die Kiste zunächst nach Dresden, dann in den Auslagerungsort Schloss Weesenstein, bringen. Die Kiste enthielt Gemälde des Museums Wiesbaden sowie das Porträt der Marquise de Sauli-Visconti. Die Auslagerung des Porträts geschah auf ausdrücklichen Wunsch Beutlers, da das Goethe-Museum im März 1944 durch Bombentreffer zerstört worden war.
In Schloss Weesenstein wurde das Gemälde von der sowjetischen Besatzungsmacht beschlagnahmt und von einem russischen Ortskommandanten nach Pirna verbracht, jedoch bald wieder zurückgegeben. Auf einer am 14. Juli 1956 in Dresden erstellten Liste taucht es als „Unbekannter Künstler, Dame mit Harfe am Löwendenkmal“ wieder auf.
26 Jahre später unterzeichneten die beiden deutschen Staaten das deutsch-deutsche Kulturabkommen. Im Zusammenhang mit diesem Abkommen 1982 wurden auch Kulturgüter, die sich aufgrund der Auslagerungen während des Zweiten Weltkrieges im jeweils „falschen“ Land befanden, ausgetauscht. So gelangte auch die ‚Löwendame‘ 1988 nach Westdeutschland, wurde jedoch irrtümlich an das Museum in Wiesbaden übergeben, wo es 1995 restauriert wurde.
2006 erhielt das Museum Wiesbaden von Gerhard Kölsch den Hinweis, dass es sich bei diesem Gemälde um Eigentum des Hochstifts handelt. Gerhard Kölsch war Co-Autor des 2011 erschienenen Bestandskataloges des Freien Deutschen Hochstifts; im Rahmen der Vorarbeiten war er auf das „verirrte“ Gemälde gestoßen. Miriam Merz, damalige Provenienzforscherin des Museums Wiesbaden, recherchierte im Rahmen eines Projektes des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste die Geschichte dieses Gemäldes und veröffentlichte 2010 ein Dossier dazu im Internet. Nachdem Anja Heuß 2019 Provenienzforscherin des Freien Deutschen Hochstifts geworden war, nahm sie Kontakt mit ihrer Kollegin in Wiesbaden auf; gemeinsam wurde versucht, die Identität des belgischen Arztes zu lüften – zunächst ohne Erfolg. Erst im Austausch mit zwei belgischen Kolleginnen aus dem Königlichen Museum der schönen Künste in Brüssel erhärtete sich 2025 der Verdacht, dass es sich bei dem belgischen Arzt wohl um den Sammler Frans Heulens (1904 – 1977) gehandelt hat. Er kollaborierte während des Zweiten Weltkrieges mit mehreren Kunsthändlern und Institutionen des Deutschen Reiches, u. a. auch mit Erhard Göpel. Übereinstimmend berichteten diese Händler nach dem Zweiten Weltkrieg gegenüber dem amerikanischen Kunstschutz, dass Heulens mit ihnen zahlreiche Geschäfte gemacht habe, aber stets vermieden habe, mit ihnen in der Öffentlichkeit gesehen zu werden. Die Identität des Schenkers ist damit gelüftet; wann und wo er selbst dieses Gemälde erworben hat, ist jedoch nach wie vor ungeklärt.
Am 20. November 2024 übergab das Museum Wiesbaden die „Löwendame“ dem Freien Deutschen Hochstift.
Das Freie Deutsche Hochstift dankt Miriam Merz, Wiesbaden, herzlich für die geleisteten Recherchen sowie den Kolleginnen Fenya Almstadt und Eléa de Winter, Brüssel, für die kollegiale Zusammenarbeit.
Weiterführende Links
Fundmeldung des Museums Wiesbaden, 2007 – Lost Art DAtenbank
Forschungsbericht von Miriam Merz, 2010 – Lost Art Datenbank
Die Zerstörung des Goethe-Hauses – Virtuelle Ausstellung
Literaturtipp
Geert Sels: Le trésor de guerre des nazis. Enquête sur le pillage d'art en Belgique. Racine, 2023
